Wie es eben so ist, die Liebe gehen zu lassen

IMG_9644-002 I ADa war sie wieder, diese lähmende Angst, welche sich langsam an ihren Schultern hochzog und leise, wie ein Mantel über ihren fröstelnden Körper legte. Jede Bewegung tat ihr weh und sie zog die Decke immer höher, sie legte sich erst auf die eine, dann auf die andere Seite, um dann über Stunden nur den einen Punkt an der Wand anzustarren. Längst hatte sie vergessen, ob es Tag oder Nacht war, die Stunden verstrichen, ohne dass es für sie eine Rolle spielen sollte.

Manchmal streckte sie die sich aus ihrer kauernden Haltung heraus, erhob sich langsam, stellte erst den einen, dann den anderen Fuß langsam auf den Boden vor dem Bett und ging langsam in die dunkle Küche, um sich dann an den hölzernen Küchentisch zu setzen, die Knie dicht an den Körper gezogen. Dann zündete sie mit dem Streichholz die alte Kerze an, betrachtete schweigend das Flackern des Lichtes und goss sich aus der Emaillekanne, die sie noch gemeinsam auf dem Flohmarkt erstanden hatten, einen kalten Kaffee in den Becher, um dann mit einem Löffel den Zucker umzurühren. Mit spitzen Fingern holte sie sich eine Zigarette aus der Schachtel, nicht ohne zu bemerken, dass der Vorrat langsam zu Ende ging und sie früher oder später die Wohnung verlassen musste, um diesen aufzufüllen. Wann hatte sie das letzte Mal richtig gegessen? Sie wusste es nicht mehr. Jetzt nicht darüber nachdenken, das Feuerzeug klackte kurz auf und sie zog langsam an der Zigarette, um dann langsam den Rauch auszuatmen.

Wo war er jetzt? Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie den Gedanken, die Erinnerung an ihn, so einfach verdrängen, was nur selten gelang. Oh Gott, diese Schmerzen. Langsam füllten sich ihre strahlend blauen Augen mit Tränen. Warum nur? Sie hatte alles gegeben und liebte bedingungslos, auch jetzt noch. Gleichgültig dessen, was sie tat, was sie machte, wie sehr sie dagegen rebellierte, er war der eine Mann in ihrem Leben und keiner, der je an seine Stelle treten würde, könnte diesen Platz ersetzen. Mit den Fingern schrieb sie unsichtbar „Liebe. Ich liebe dich. Für immer und immer und ewig.“ auf den Tisch. Dann stand sie langsam auf, lief mit ihren nackten Füßen über die kalten Fliesen zurück ins Schlafzimmer und ließ sich auf das große Bett fallen. Als sie sich zum Fenster drehte, fiel ihr Blick auf sein Kissen, sie zog es langsam an sich heran und atmete lange seinen Geruch noch ein, um ihn in ihrer Erinnerung zu speichern. Nur noch einmal … Nein, das wusste sie schmerzvoll, dafür war zu viel passiert. Nur noch einmal war vorbei und sollte auch nicht mehr wiederkommen. „Was der Verstand längst weiß, muss das Herz erst noch begreifen?“ Aber wann war das, konnte sie die Uhr, welche an der Wand tickte, einfach so vorstellen? Eine Woche, einen Monat, ein Jahr? Dabei konnte sie selbst nicht wissen, wie lange es dauern würde.

Wenn sie einschlief, hatte sie Träume, so erschreckend real, dass sie nicht mehr wusste, ob die Dunkelheit ihr Freund oder Feind war und sie die Beklemmung noch über Stunden spürte.

Mit den Jahren verschwand die Erinnerung, die Gedanken an ihn wurden immer weniger, während der Schmerz, der sich tief in ihre Seele und das Herz bohren konnte, einfach blieb. Eines Tages trat ein neuer Mann in ihr Leben, erst wie ein alter Bekannter, um dann für immer zu bleiben. Er vermochte ihr das zu geben, was ihr bei dem anderen nicht vergönnt war und die Tage, an denen sie morgens zusammen am Frühstückstisch saßen, abends wie selbstverständlich die Tür aufschlossen, um nach ihrem Feierabend zu Hause anzukommen, wurden immer mehr, bis es gar nicht mehr anders war. Und sie fühlte sich schuldig, wenn sie sich manchmal beim Gedanken an den anderen ertappte, sie die Augen schloss und die Erinnerung wie einen alten Film an sich vorbeiziehen ließ. Konnte er die wenigen Momente spüren, in denen sie durch ihn hindurchblickte und in eine vergangene Zeit reiste? Aber dann schüttelte sie wieder ihren Kopf, als würde sie die Bilder wie Karten neu mischen und ganz unten auf den Stapel legen wollen, legte ihre Hand auf seine Schulter und streichelte sanft seinen Nacken.

Den Brief, der eines Tages von dem anderen Mann an sie adressiert im Briefkasten steckte, öffnete sie nicht. War es Zufall oder Schicksal, das er sich genau an dem Tag meldete, an dem er auch in ihrem Traum auftauchte, ganz so, als sei nie etwas geschehen und er nur kurz vor die Tür gegangen war, um Zigaretten zu holen? Sie konnte nur einatmen, ausatmen, nicht denken und musste doch das Gedankenkarussell zum Halten bringen, während sie über das strukturierte Papier strich und seine markante Schrift langsam an die Lippen führte. Lange blickte sie schweigend auf den Umschlag, um ihn dann zu falten und ganz leise in der Hosentasche verschwinden zu lassen. Sie wusste, dass alles wieder von vorn beginnen würde, wenn sie nur eine Zeile las. Sie wusste, dass bei einem Treffen mit ihm nur eine Berührung, ein Blick, ausreichen würde, um alle Erinnerungen, Gedanken, Sehnsüchte und Träume, die so mühselig von ihr in ihrem Unterbewusstsein begraben worden waren, auf einen Schlag wieder auftauchen zu lassen.

Am Abend schob sie den Brief ungeöffnet hinter die alte Kommode, um ihn nie wieder hervorzuholen.

Die Liebe geht nicht, aber manchmal muss man sie gehen lassen. Im Leben sind die wichtigen Entscheidungen niemals einfach.

text an photo by birge tramontin

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Der Blick in den Spiegel und nicht zurück

IMG_0646 I - IGestern kehrte ich an einen Ort zurück, den ich seit langer Zeit nicht mehr sah, las alte Zeilen darin, offenbar von mir verfasst und es kam mir vor, als würde ich die Gedanken lesen, die mich seither jeden Morgen wecken und abends in den Schlaf begleiten würden. Ich sah Fotos von dir und mir und uns, da war sie wieder, diese tiefe Sehnsucht, das nie endenwollende Verlangen, die Erkenntnis, dass genau du die andere Seele bist, die mich erst vollständig machen würde. Konnte beim Weggehen Deinen Geruch einatmen, um ihn für immer in meiner Erinnerung zu speichern und habe leise die Tränen weggewischt, damit du nie meine Verletzlichkeit nie sehen könntest.

Jetzt gerade brauche ich dich wie damals, aber das du heute sagst, nun bin ich da, ich halte deine Hand, auch wenn sich deine aus meinem Griff ziehen möchte, dann umfasse ich sie einfach noch ein bisschen fester, weil mich die in diesen Augenblicken gerade mehr braucht. Dass du mich ganz fest in den Arm nimmst, die Zeit anhältst, uns nie wieder loslässt und sagst: heute brauchst du mich und ich dich nicht, komm, rutsch zur Seite, ich lege mich im Bett zu dir, wir reden und schweigen, ich werde verstehen und bleiben. Dich nie mehr gehen lassen.

Ich vergleiche es mit dem Heute und frage mich erst, was denn jetzt wahr ist und ob ich mir nicht allein schon mit dieser Frage etwas vorlüge. Denn ich weiß, dass alles wahr war und alles wahr ist. Und wahr wird es immer sein, aber selbst im besten Fall immer nur für einen Moment. Für den einen kleinen Moment, welcher sich nur in den seltensten Fällen wiederholen wird. Mehr Wahrheit ist nicht drin.

Ich kann nicht mehr.
Hiersein.

IMG_0640 I - Itext and photos by Birge Tramontin

An diese Zeit

IMG_7123 I AIch werde mich erinnern an diese Zeit, als jene wertvollen Momente im Leben, in denen ich lernte, wie die Menschen, die ich kenne, unter ihrer Fassade aussehen, in all ihren Ecken und Winkeln, mit all dem, für was ich keine angemessene Bezeichnung finde, mit der Erkenntnis, dass Zeit und Interesse manchmal das Gleiche sind und Worten keine Taten folgen müssen. Ich werde mich erinnern an diese Zeit, in der ich merkte, was wirklich wichtig ist für mich im Leben, in welcher ich zurück zu mir selbst fand, aus Freunden Fremde wurden, aus Fremden Freunde und ich wusste, dass genau die eine Hand es wert ist zu halten, und bei der ich spürte, dort muss ich verharren, damit der anderen nichts passiert, an der Stelle bleibe ich stehen, solange es notwendig ist und immer weiter, über den nächsten Atemzug hinaus und vorher werde ich nicht gehen. Ich werde mich an diese Zeit erinnern, als sich mein Blick so weit schärfte, dass ich über Hügel und Berge, durch die Dunkelheit, die Dämmerung sowie alle Unwetter klar blicken konnte, bis über den Horizont hinaus und ich werde diese Zeit nicht vergessen als den Moment, in dem ich sagte „Wir schaffen das“ und wusste, dass es stimmt.

text and photo by Birge Tramontin

Die Königin der Nacht trägt keine Augenringe mehr

IMG_7199 I verkleinertIns Kissen atmen, die Beklemmung spüren und dabei die leisen Tränen in den Stoffbezug laufen lassen. Schlafen, aufstehen, kalten Kaffee mit zu viel Zucker trinken und alle Zigaretten aus der alten Kiste auf dem Vertiko rauchen. Nach Tagen langsam die Vorhänge zur Seite ziehen und in die Sonne blinzeln. Mit kleinen Schritten vor die Tür gehen, die warmen Strahlen auf der Haut spüren und das pulsierende Leben ringsherum auch langsam in sich erwachen lassen. Gegen den Wind laufen und sich vom aufkommenden Sturm tragen lassen, höher, weiter, immer schneller. Sich im Kreis drehen und auf dem Boden landen. Immer noch nicht verstehen, sich jedoch nicht mehr nach dem „Warum“ fragen.

Schweigen aus Mangel an Alternativen und der Furcht vor den Worten, die keine sind. Die Leere mit Neuem füllen, Stück für Stück, einen Schleier über die Erinnerung legen. Sich selbst wiederfinden und in die Sonne schauen. Vom Regen nicht beirren und den Nordwind vorbeiziehen lassen. Die Augen schließen, einatmen und neu erwachen. Im Notizbuch jeden Tag eine Erinnerung an die eigene Verletzlichkeit eintragen und die Repeat-Taste mit den Gedanken, Sehnsüchten und Träumen in die leere Kiste auf dem Vertiko sperren. Den Schlüssel wegwerfen, einen Anruf am Telefon annehmen, aber nur Stille in der Leitung hören.

Damit sind auch die wichtigsten Worte gesagt. Du erinnerst mich ans Taumeln und Fallen, aber auf jeden Fall ans Loslassen und Wiederaufstehen.

text & photo by Birge Tramontin

Irgendwo im Niemandsland

IMG_7221 III verkleinert

Wir waren da, wo die Luft am glühendsten und der Tag am dunkelsten war, so dunkel, dass die Schatten längst gegangen waren. Wo die Menschen aussahen, wie Karikaturen hinter langen schmalen Pfeilern, und wo die Welt nur sich gehört. Wir haben den Rausch ohne nachzudenken mitgemacht, den Exzess bis ganz oben mitgenommen, uns fünf Mal im Karussell und endlos im Kreis gedreht, um im Strudel zu ertrinken. Wir sind mit den Drachen in den Himmel gestiegen und mit den Nordwinden wieder ins Bodenlose gefallen. Die Stunden sind gegangen, aber wir sind geblieben. Wir haben gelacht, geweint, gerufen und geschwiegen, gewonnen und verloren, wir haben uns und allen in die Ohren geflüstert und keiner und alle haben dazugehört – zu uns. Wir haben den Rauch in den Himmel steigen sehen, uns vom Blinken der Lichter einnehmen lassen und wir mussten überhaupt nicht mehr fliegen können. Dann haben wir uns an den Rand gesetzt und zugeschaut, abgewartet, bis aus Hoffnungen Asche und Papierflieger wurden, die Sonne aufging, ihre Strahlen mühsam durch die kleinen Ritzen schob, uns an den Händen gefasst, die Augenringe weggewischt und weitergefahren.

Gewollt haben wir alles. Und irgendwie auch uns. Einhundertsiebzehn Treppenstufen bis zu seiner Wohnungstür. Wir haben nebeneinander gelegen, die Finger ineinander verschlungen, die Blicke aufeinander, zu viel geredet, Normalität beanspruchen wollend. Ihn aus der Tür laufen gesehen, zurück in den übermächtig scheinenden Schatten, nichts mehr verstanden, einen Plan B erfunden. Der Versuch, die Lebenslüge zu ignorieren. Nur noch einatmen, ausatmen, die Luft angehalten, vor Schmerzen geweint, nicht geschlafen, im Dunkeln gestanden und über den Sonnenaufgang nachgedacht. Innerlich zusammengefallen, trotzdem diese Sehnsucht gespürt. Endlos gewartet, dass es einfach nur noch vorbeigeht. Mit den Träumen gekämpft, die langsam zu Boden fielen und vor den Augen in kleine Stücke zerbrachen. Verzweifelte Nachrichten geschrieben, deren Antworten nie kommen sollten. Die Sachen von rechts nach links und dann in die Ecke geworfen, die Erinnerung mit den Hoffnungen unter dem Scherbenhaufen begraben. Hinausgelaufen, umhergeirrt, gesucht und nicht gefunden. In den Regen gestellt und leise geweint, damit niemand die Tränen sieht.

Am Ende haben wir wie am Anfang vor einandergestanden, als Fremde. Das Gegenteil vom Schatten ist nicht Licht. Das Gegenteil vom Leben ist nicht Tod, das Gegenteil vom Leben ist Sterben. Es ist so leicht zu verwechseln, nicht nur irgendwo im Niemandsland.

text & photo by Birge Tramontin

 

Der Schatten

Heimlich, still und leise war er in ihr Leben getreten. Zuerst völlig unbemerkt von ihr, aber immer präsent. Immer, überall, zu jeder Zeit. Da ein Schatten vor dem Fenster, mal ein verdächtiges Knacken auf der Terrasse, dann wieder das Gefühl, dass sie jemand beobachtet. Die ersten verwirrenden Anzeichen, als Post aus dem Briefkasten verschwindet, Nachbarn sie argwöhnisch meiden und von allen Seiten die verschiedensten Anschuldigungen kommen. Erstes zurück ziehen, nachdenken, grübeln,  zu viel rauchen. Die Angst vor dem nächsten Tag, sogar vor dem kommenden Moment. Das Klingeln an der Tür, der Postbote mit einem Brief, ein Schreiben von der Polizei. Erste Vorladung überstanden, da ist bereits die nächste da. Verwirrtheit und Zweifel an sich selbst. Wieder eine Zigarette zu viel. Das Telefon schaltet sie ab, die anonymen Anrufe häufen sich. Warum sagt er nichts, kein Wort und warum gibt er sich nicht zu erkennen? Völliges im Dunkeln tappen und nicht wissen, wer ihr Leben wie ein Marionettenspieler an seinen Fäden zieht. Fremdbestimmung, Angst und immer neue Zweifel.

Da ist sie, die lähmende Hilflosigkeit, welche sie völlig übermannt und völlig zusammenklappen lässt wie ein Taschenmesser. Tagelang schläft sie nur noch, ihr Körper ist ausgelaugt von den vielen Nächten ohne Schlaf, dem ständigen Kampf gegen einen Schatten, der Gewissheit, dass keiner ihr glaubt. Sie gibt es auf, alles sortieren zu wollen, zu verstehen und kippt ihre Gedanken nur noch auf einen großen Haufen hinter dem Haus. Irgendwann … irgendwann wird es vorbeigehen und hoffentlich ist irgendwann bald. Aber nicht jetzt. Sie steht nur noch auf, um am Fenster eine Zigarette zu rauchen, die Wasserflasche aufzufüllen und ins Bad zu schleichen. In den Spiegel blickt sie schon seit Tagen nicht mehr. Ansonsten liegt sie, dreht sich auf die Seite, zieht sich die Decke schützend über den Kopf und schläft. Sie träumt wilde Träume, und wenn sie aufwacht, schlägt das Herz schneller. Dann starrt sie stundenlang an die Decke und versucht, das Gedankenkarussell zum Anhalten zu bringen.  Wenn sie Vorhänge zur Seite zieht, ist es nur noch selten hell.

Eines Morgens steht sie einfach wieder auf. Als sie zum ersten Mal nach elf Tagen in den Spiegel schaut, entdeckt sie ein kleines Aufleuchten in ihren Augen. Am selben Tag verlässt sie die Wohnung zum ersten Mal wieder. Draußen scheint die Sonne, der Himmel ist blau, der Wind bläst ihr sanft durch das Haar, sie hört die Vögel zwitschern, ein Kind lachen und geht weiter die Straße entlang. Alles wirkt ruhig, so klar, nicht mehr so bedrohlich.

Und da weiß sie es: Der Schatten ist nicht da. So unmerklich, wie er vor neun Monaten und einer Woche in ihr Leben getreten war, musste er auch wieder verschwunden sein. War es Wirklichkeit? Noch mal ein zögerliches Umdrehen, kurzes Überlegen, schnell die aufkommenden Befürchtungen unterdrücken. Und plötzlich merkt sie es, die Leichtigkeit hat sie wieder. Sie schließt die Tür zu ihrer Wohnung auf, öffnet alle Fenster und öffnet den Brief, den sie aus dem Briefkasten gefischt hat.

Ich liebe Dich.

Ich hasse Dich.

Aber ich lasse Dich gehen.

Steht auf dem Zettel.

Er war weg. Sie hatte ihr Leben wieder.

Rezension „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“

Raul Krauthausen Cover Dachdecker wollte ich eh nicht werden IDas Leben aus der Rollstuhlperspektive

von Raúl Aguayo-Krauthausen

erschienen im Rohwolt Verlag

Das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“, auch „Behindertenrechtskonvention“ genannt, soll nicht nur deren Menschenrechte für Lebenssituationen konkretisieren, sondern in erster Linie eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Das Ziel soll die Gleichstellung von behinderten und nicht behinderten Menschen, seien es körperliche Einschränkungen, gehörlose oder blinde Personen, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder seelischen Schwierigkeiten, pflegebedürftige ältere Personen oder Menschen mit Autismus.

Großes Stichwort: Inklusion. Als Leitbegriff der Behindertenkonvention und tragenden Grundsatz sollen behinderte Menschen in das gesellschaftliche System eingeschlossen und Strukturen sowie Rahmenbedingungen geschaffen werden, die diesen Ansprüchen gerecht wird.

Doch jeder, der sich schon einmal mit der Materie befasst hat, weiß, dass Theorie und Praxis nie weiter als bei diesem Thema entfernt waren.

Immer noch werden Behinderte in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt. Berührungsängste, Ignoranz, aber auch Intoleranz sind wohl die Gründe. Furcht vor der eigenen Fragilität, ja das Augenverschließen vor dem, was uns alle betreffen kann, ob durch Krankheit oder auch Unfall, in jedem Alter. Nicht jeder mit einer Einschränkung kommt so auf die Welt, nur das ist nicht in allen Köpfen verankert. Sonderschulen für geistig und körperlich behinderte Menschen, danach die Arbeit in Behindertenwerkstätten oder die Einweisung in betreffende Heime sind oftmals die einzigen Optionen. Endstation, frei nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Wirklich Endstation?

Raúl Aguayo-Krauthausen ermöglicht in seinem Buch: „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ einen ganz neuen Blickwinkel in die Welt, die vielen aus fehlendem Interesse verborgen blieb. Er wurde mit der Diagnose Osteogenesis Imperfecta (Glasknochen) geboren. Auf sehr interessante, offene und sympathische, aber auch humorvolle Art beschreibt er sein Leben vom Rollstuhl aus. Dabei wirbt er keineswegs mit Mitleid, sondern will mit Spaß zum Umdenken auf beiden Seiten bewegen und in zahlreichen Projekten, wie Sozialhelden e.V., Pfandtastisch-helfen.de, Wheelmap.org, leidmedien.de, wheelramp.de, inklusionsfakten.de, 2sames.de  und selfpedia.de zum Mitmachen motivieren.

Im Einband von „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ steht geschrieben: „Mich mit meiner Behinderung zu beschäftigen, bedeutet Arbeit – ich stelle mich, mal besser, mal schlechter, meiner eigenen Unzulänglichkeit und meinen Ängsten. Mir war es wichtig, zu zeigen, dass eine Behinderung zu haben nur eine von vielen Eigenschaften ist. Mein Leben ist aufwendiger als das von Menschen, die nicht behindert sind, keine Frage. Doch es wird nicht ausschließlich von meiner Einschränkung geprägt und beherrscht. Das habe ich gelernt. Wenn ich aus mir herausgucke, fühle ich mich nicht behindert. Tauchen im Alltag Barrieren auf, begegne ich Menschen, die mich anstarren, oder erlebe ich Situationen der Hilflosigkeit, wird mir erst bewusst, dass ich es bin. Ich mag mein Leben und die Formulierung „behinderter Mensch“, weil sie offenlässt, ob ich behindert bin oder behindert werde. Denn Inklusion ist, wie Fred Ziebarth, der Schulpsychiater meiner Grundschule, sagte, ein beiderseitiger Prozess der Bewältigung und Annahme menschlicher Vielfalt, der uns alle einschließt. Ich wünsche mir, dass sich Menschen mit Behinderung fragen, wie sie gesehen werden wollen, und dass sie ihre Stimme erheben.“ (Raúl Aguayo-Krauthausen)

Schon dafür lohnt es sich, das Buch zu lesen.

Worte, die bewegen und zum Nachdenken anregen. Raúl Aguayo-Krauthausen charakterisiert seine Einschränkung als eine Eigenschaft von vielen. Mit Humor und großer Sachkenntnis lässt er uns Einblicke in seinen Alltag gewähren und zeigt auf, wie ein gemeinsames gesellschaftliches Leben von behinderten, nicht-behinderten und noch-nicht-behinderten Menschen aussehen kann.

„Behinderung geht alle an“. Ohne erhobenen Zeigefinger sondern mit viel Charme und Eloquenz revolutioniert Raúl Aguayo-Krauthausen eine neue Wahrnehmung. Beim Lesen rückt der Fokus völlig vom Rollstuhl ab und ist nur auf die Persönlichkeit des Autors gerichtet. Selbst in den Passagen, wo es um diesen geht, wird er nicht als das Hauptsächliche, was sein Leben bestimmt, definiert. Denn das sind andere Sachen: Projekte, die bewegen, Freunde und Weggefährten, seine Schul- und Studienlaufbahn, aber auch das Arbeitsleben oder Auftritte als Redner, um nur einige zu nennen. Und nicht zuletzt, auch wenn am Rand, die Liebe, was mich an ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry erinnert:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Lebensabschnitte, die Raúl Aguayo-Krauthausen einen differenzierteren, bewussteren Umgang ermöglichten und die ihn in der Gesamtheit aller Ereignisse in Kombination mit seinen einzigartigen Charakterzügen zu dem gemacht haben, was er ist: Ein selbst bestimmter Aktivist, der sich über seine Behinderung und den Rollstuhl lange schon erhoben hat.

„Ein persönliches Plädoyer für Toleranz und Freude am Leben“

Ich kann das Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ nur empfehlen: Kaufen, lesen, sich begeistern lassen, mitmachen. Wheelmap.org ist zum Beispiel eine ganz großartige Sache, bei der jeder mitwirken kann: Dabei handelt es sich um eine Karte zum Finden, Markieren sowie Suchen rollstuhlgerechter Orte. Nicht nur, aber gerade auch für Schulprojekte eine fantastische Idee. Schaut auf jeden Fall mal rein!

IMG_0651 I AIMG_0652 II AIMG_0654 II AIMG_0653 II Atext & photos by Birge Tramontin