Der Junge vom Saturn. Wie ein autistisches Kind die Welt sieht [Rezension]

Der Junge vom Saturn

„Peter ist ein seltsamer Junge. Wenn er sich freut, flattert er mit den Armen, wie ein Vogel. In der Schule beißt er die Mitschüler, weil er sich mehr durchbeißen soll. Und Zuhause studiert er stundenlang Lichtflecken an den Wänden, weil das so herrlich juchzt.

Peter Schmidts Aufzeichnungen über seine Kindheit mit Asperger-Syndrom sind einzigartig. Denn er kann sich nicht nur an die ersten Jahre seines Lebens, sondern sogar an die Stunden seiner Geburt erinnern!“

Die größten Probleme des Bestsellerautors von „Ein Kaktus zum Valentinstag“ liegen darin, unterschwellige nonverbale Signale sowie die Mimik von anderen zu entschlüsseln. Dazu kommen Schwierigkeiten bei der Gesichtserkennung, seine Wahrnehmung ist fokussiert auf Details, sehr objektorientiert und klare Strukturen, Routinen, ein stereotypisches Verhalten, welches sich in Armflattern und Beintänzeln äußert sowie seine Spezialinteressen bieten ihm Sicherheit. Da ihn andere Dinge als seine Mitmenschen glücklich, traurig oder wütend machen und ihm bei Empfindungen die Zwischentöne fehlen, gilt er schnell als gefühlslos.

Während Peter Schmidt seine Kindheit bis in die Jugend hinein beschreibt, wird diese Mauer zu seiner Umwelt immer höher und er kennt die Gründe dafür nicht. Denn was er nicht weiß: Er ist Asperger Autist und es wird noch viel Zeit vergehen, bis er diese Diagnose im Alter von 41 Jahren bekommt. Detailgetreu und sehr unterhaltsam vermag er zu beschreiben, wie ein autistischer Junge die Welt mit dessen Augen sieht, und beleuchtet damit eindrucksvoll nicht nur für Eltern autistischer Kinder Einblicke ein Spektrum, was für viele immer als geschlossen gilt.

So schlimm für ihn als Kind manche Erlebnisse gewesen sind, zum Beispiel als die Mitschüler für sein Verschwinden in der Klasse sammeln: Ohne erhobenen Zeigefinger und frei von anklagenden Worten beschreibt er auf sehr humorvolle Art und Weise die Missverständnisse zwischen ihm und seinem Umfeld sowie die Gefühle dazu und lässt dabei wichtige Einblicke in die Gedankenwelt eines Autisten zu. Da ist die Anekdote von den Bonbons im Laden, die in seinen Augen nichts kosten, weil sie kein Preisschild haben. Auf die Frage hin, ob er schon öfters geklaut hätte, antwortet er wahrheitsgemäß, dass er nur das mitgenommen hätte, was nichts kostet. Bei Stadt-Land-Fluss darf Peter schon bald nicht mehr mitmachen, weil er immer alles gleich weiß und andere Spiele machen ihm nur Spaß, wenn seine Regeln gelten. Da er alles wörtlich nimmt, will er die Löcher im Bauch natürlich sehen, die er seiner Tante Irmgard fragt. Und als er an den Bahngleisen vergeblich auf die Rosenmontagszüge wartet, ahnt er, dass er wohl wieder etwas falsch verstanden hat, genauso, als er den Satz seiner Mutter: „Du musst dich da mehr durchbeißen“ in der Schule für bare Münze nimmt.

„Mein Lieblingsplanet ist der Saturn, weil er als einziger diese schallplattenartigen Ringe und viele Monde hat. Zu dieser Welt fühle ich mich irgendwarum hingezogen. Mein Bett wird zu einem Raumschiff, mit dem ich ungestört jeden Abend aufbrechen kann, zurück in meine Welt. Jeden Morgen werde ich pünktlich wieder auf der Erde sein, um zur Schule zu gehen. Um hier mein Gastdasein zu führen. Als Botschafter einer fernen Welt, die hier auf der Welt eine kleine Kolonie hat. Ich bin keiner von denen auf der Erde. Ich komme woanders her. Die Erde ist ein fremder Planet für mich.“

Die Welt wird immer rätselhafter für ihn. Während seine Klassenkameraden die BRAVO lesen und sich für Partys interessieren, lässt sich von Peter Schmidt von Astronomie, Vulkanen und Erdbeben faszinieren. Er malt Autobahnen, Schienen sowie Straßen in seine Schulbücher und je langweiliger die Unterrichtsstunde für ihn ist, desto filigraner werden die Zeichnungen, bis sie ganze Bücher füllen. Darin projiziert er seine ganzen Empfindungen und Gedanken, die Gefühle und Sehnsüchte als Ausdruck seiner synästhetischen Wahrnehmung seines Lebens sowie der ganzen Welt. Als die älteren Schüler sich dann von ihm auch noch „eine Scheibe abschneiden sollen“, bekommt er es mit der Angst zu tun. Irgendwann ist er dafür bekannt, dass er keine Gesichter malen kann, chemische Formeln für die Liebe aufstellt und mathematisch berechnen will, welche Kurve der Fußball nehmen muss, um das Tor dann zu treffen. Eine Sammlung von 41 selbst aufgestellten Paragrafen soll sein Leben regeln, Ordnung und Halt geben sowie neue Wege ermöglichen. Bei der Zeugnisübergabe wird Peter Schmidt noch einmal bewusst, was ihn zu Schulzeiten quälte, was ihn aufblühen ließ, dass niemand an ihn herankam und er keinen Zugang zu den anderen fand, er sich unverstanden fühlte und lediglich die Normen von anderen galten. Und trotzdem war es für ihn der Punkt, an dem er endlich sagen konnte: „Welt, ich komme!“

Seine autobiographischen Bücher sind ein Plädoyer für Individualität: „Zugang zu einem autistischen Menschen erhält man nur dann, wenn man ihn dort abholt, wo er steht, wenn man vor allem niemals versucht aus ihm etwas zu machen, was er nicht ist und nie sein können wird, sondern ihn mit dem, was er aus seinem Innersten heraus anbieten kann, aufblühen lässt.“

Zum Autor: Dr. Peter Schmidt lebt mit seiner Familie, Frau Martina, seinem Gnubbelchen oder auch Mau genannt sowie den beiden Kindern, den RaRas, in Gadenstedt im Landkreis Peine zwischen Braunschweig und Hannover. Er ist Autor, IT-Experte (SAP-Software), Geowissenschaftler (Diplom-Geophysiker) mit einer Vorliebe für Vulkane, Wüsten sowie Straßen und diagnostizierter Asperger Autist. Bereits durch sein erstes Buch Ein Kaktus zum Valentinstag, welches Platz 19 auf der Spiegel-Beststellerliste erreichte, seine gute Medienpräsenz sowie das außerordentliche Fachwissen konnte er zu einem größeren Verständnis und mehr Aufklärung rund um die mannigfaltige Thematik Autismus beitragen und auf diese Weise ganz charmant eine Brücke zwischen beiden Welten versuchen zu bauen. Seine Lesungen stoßen stets auf reges Interesse. Die beiden Bücher Der Junge vom Saturn und Kein Anschluß unter diesem Kollegen komplettieren die Triologie rund um die Themen Ein Autist und die Liebe, Wie ein autitisches Kind die Welt sieht sowie Ein Autist im Arbeitsleben.

„Manche Menschen müssen außergewöhnliches leisten, um gewöhnlich zu sein. Wenn sie ihren Sehnsüchten folgen, wachsen sie über sich hinaus.“ Dr. Peter Schmidt

 

Ein Kaktus zum Valentinstag
Ein Autist und die Liebe
Dr. Peter Schmidt / erschienen im Patmo Verlag
3. Auflage 2012
Format 14 x 22 cm
224 Seiten
mit vielen Fotos
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8436-0211-2
Der Junge vom Saturn
Wie ein autistisches Kind die Welt sieht
Dr. Peter Schmidt / erschienen im Patmos Verlag
1. Auflage 2013
Format 14 x 22 cm
240 Seiten
mit vielen Fotos
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8436-0390-4
Kein Anschluß unter diesem Kollegen
Ein Autist im Job
Dr. Peter Schmidt / erschienen im Patmos Verlag
1. Auflage 2014
Format 14 x 22 cm
246 Seiten
mit vielen Fotos
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8436-0517-5
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