Wie es eben so ist, die Liebe gehen zu lassen

IMG_9644-002 I ADa war sie wieder, diese lähmende Angst, welche sich langsam an ihren Schultern hochzog und leise, wie ein Mantel über ihren fröstelnden Körper legte. Jede Bewegung tat ihr weh und sie zog die Decke immer höher, sie legte sich erst auf die eine, dann auf die andere Seite, um dann über Stunden nur den einen Punkt an der Wand anzustarren. Längst hatte sie vergessen, ob es Tag oder Nacht war, die Stunden verstrichen, ohne dass es für sie eine Rolle spielen sollte.

Manchmal streckte sie die sich aus ihrer kauernden Haltung heraus, erhob sich langsam, stellte erst den einen, dann den anderen Fuß langsam auf den Boden vor dem Bett und ging langsam in die dunkle Küche, um sich dann an den hölzernen Küchentisch zu setzen, die Knie dicht an den Körper gezogen. Dann zündete sie mit dem Streichholz die alte Kerze an, betrachtete schweigend das Flackern des Lichtes und goss sich aus der Emaillekanne, die sie noch gemeinsam auf dem Flohmarkt erstanden hatten, einen kalten Kaffee in den Becher, um dann mit einem Löffel den Zucker umzurühren. Mit spitzen Fingern holte sie sich eine Zigarette aus der Schachtel, nicht ohne zu bemerken, dass der Vorrat langsam zu Ende ging und sie früher oder später die Wohnung verlassen musste, um diesen aufzufüllen. Wann hatte sie das letzte Mal richtig gegessen? Sie wusste es nicht mehr. Jetzt nicht darüber nachdenken, das Feuerzeug klackte kurz auf und sie zog langsam an der Zigarette, um dann langsam den Rauch auszuatmen.

Wo war er jetzt? Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie den Gedanken, die Erinnerung an ihn, so einfach verdrängen, was nur selten gelang. Oh Gott, diese Schmerzen. Langsam füllten sich ihre strahlend blauen Augen mit Tränen. Warum nur? Sie hatte alles gegeben und liebte bedingungslos, auch jetzt noch. Gleichgültig dessen, was sie tat, was sie machte, wie sehr sie dagegen rebellierte, er war der eine Mann in ihrem Leben und keiner, der je an seine Stelle treten würde, könnte diesen Platz ersetzen. Mit den Fingern schrieb sie unsichtbar „Liebe. Ich liebe dich. Für immer und immer und ewig.“ auf den Tisch. Dann stand sie langsam auf, lief mit ihren nackten Füßen über die kalten Fliesen zurück ins Schlafzimmer und ließ sich auf das große Bett fallen. Als sie sich zum Fenster drehte, fiel ihr Blick auf sein Kissen, sie zog es langsam an sich heran und atmete lange seinen Geruch noch ein, um ihn in ihrer Erinnerung zu speichern. Nur noch einmal … Nein, das wusste sie schmerzvoll, dafür war zu viel passiert. Nur noch einmal war vorbei und sollte auch nicht mehr wiederkommen. „Was der Verstand längst weiß, muss das Herz erst noch begreifen?“ Aber wann war das, konnte sie die Uhr, welche an der Wand tickte, einfach so vorstellen? Eine Woche, einen Monat, ein Jahr? Dabei konnte sie selbst nicht wissen, wie lange es dauern würde.

Wenn sie einschlief, hatte sie Träume, so erschreckend real, dass sie nicht mehr wusste, ob die Dunkelheit ihr Freund oder Feind war und sie die Beklemmung noch über Stunden spürte.

Mit den Jahren verschwand die Erinnerung, die Gedanken an ihn wurden immer weniger, während der Schmerz, der sich tief in ihre Seele und das Herz bohren konnte, einfach blieb. Eines Tages trat ein neuer Mann in ihr Leben, erst wie ein alter Bekannter, um dann für immer zu bleiben. Er vermochte ihr das zu geben, was ihr bei dem anderen nicht vergönnt war und die Tage, an denen sie morgens zusammen am Frühstückstisch saßen, abends wie selbstverständlich die Tür aufschlossen, um nach ihrem Feierabend zu Hause anzukommen, wurden immer mehr, bis es gar nicht mehr anders war. Und sie fühlte sich schuldig, wenn sie sich manchmal beim Gedanken an den anderen ertappte, sie die Augen schloss und die Erinnerung wie einen alten Film an sich vorbeiziehen ließ. Konnte er die wenigen Momente spüren, in denen sie durch ihn hindurchblickte und in eine vergangene Zeit reiste? Aber dann schüttelte sie wieder ihren Kopf, als würde sie die Bilder wie Karten neu mischen und ganz unten auf den Stapel legen wollen, legte ihre Hand auf seine Schulter und streichelte sanft seinen Nacken.

Den Brief, der eines Tages von dem anderen Mann an sie adressiert im Briefkasten steckte, öffnete sie nicht. War es Zufall oder Schicksal, das er sich genau an dem Tag meldete, an dem er auch in ihrem Traum auftauchte, ganz so, als sei nie etwas geschehen und er nur kurz vor die Tür gegangen war, um Zigaretten zu holen? Sie konnte nur einatmen, ausatmen, nicht denken und musste doch das Gedankenkarussell zum Halten bringen, während sie über das strukturierte Papier strich und seine markante Schrift langsam an die Lippen führte. Lange blickte sie schweigend auf den Umschlag, um ihn dann zu falten und ganz leise in der Hosentasche verschwinden zu lassen. Sie wusste, dass alles wieder von vorn beginnen würde, wenn sie nur eine Zeile las. Sie wusste, dass bei einem Treffen mit ihm nur eine Berührung, ein Blick, ausreichen würde, um alle Erinnerungen, Gedanken, Sehnsüchte und Träume, die so mühselig von ihr in ihrem Unterbewusstsein begraben worden waren, auf einen Schlag wieder auftauchen zu lassen.

Am Abend schob sie den Brief ungeöffnet hinter die alte Kommode, um ihn nie wieder hervorzuholen.

Die Liebe geht nicht, aber manchmal muss man sie gehen lassen. Im Leben sind die wichtigen Entscheidungen niemals einfach.

text an photo by birge tramontin

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Der Blick in den Spiegel und nicht zurück

IMG_0646 I - IGestern kehrte ich an einen Ort zurück, den ich seit langer Zeit nicht mehr sah, las alte Zeilen darin, offenbar von mir verfasst und es kam mir vor, als würde ich die Gedanken lesen, die mich seither jeden Morgen wecken und abends in den Schlaf begleiten würden. Ich sah Fotos von dir und mir und uns, da war sie wieder, diese tiefe Sehnsucht, das nie endenwollende Verlangen, die Erkenntnis, dass genau du die andere Seele bist, die mich erst vollständig machen würde. Konnte beim Weggehen Deinen Geruch einatmen, um ihn für immer in meiner Erinnerung zu speichern und habe leise die Tränen weggewischt, damit du nie meine Verletzlichkeit nie sehen könntest.

Jetzt gerade brauche ich dich wie damals, aber das du heute sagst, nun bin ich da, ich halte deine Hand, auch wenn sich deine aus meinem Griff ziehen möchte, dann umfasse ich sie einfach noch ein bisschen fester, weil mich die in diesen Augenblicken gerade mehr braucht. Dass du mich ganz fest in den Arm nimmst, die Zeit anhältst, uns nie wieder loslässt und sagst: heute brauchst du mich und ich dich nicht, komm, rutsch zur Seite, ich lege mich im Bett zu dir, wir reden und schweigen, ich werde verstehen und bleiben. Dich nie mehr gehen lassen.

Ich vergleiche es mit dem Heute und frage mich erst, was denn jetzt wahr ist und ob ich mir nicht allein schon mit dieser Frage etwas vorlüge. Denn ich weiß, dass alles wahr war und alles wahr ist. Und wahr wird es immer sein, aber selbst im besten Fall immer nur für einen Moment. Für den einen kleinen Moment, welcher sich nur in den seltensten Fällen wiederholen wird. Mehr Wahrheit ist nicht drin.

Ich kann nicht mehr.
Hiersein.

IMG_0640 I - Itext and photos by Birge Tramontin