Die Königin der Nacht trägt keine Augenringe mehr

IMG_7199 I verkleinertIns Kissen atmen, die Beklemmung spüren und dabei die leisen Tränen in den Stoffbezug laufen lassen. Schlafen, aufstehen, kalten Kaffee mit zu viel Zucker trinken und alle Zigaretten aus der alten Kiste auf dem Vertiko rauchen. Nach Tagen langsam die Vorhänge zur Seite ziehen und in die Sonne blinzeln. Mit kleinen Schritten vor die Tür gehen, die warmen Strahlen auf der Haut spüren und das pulsierende Leben ringsherum auch langsam in sich erwachen lassen. Gegen den Wind laufen und sich vom aufkommenden Sturm tragen lassen, höher, weiter, immer schneller. Sich im Kreis drehen und auf dem Boden landen. Immer noch nicht verstehen, sich jedoch nicht mehr nach dem „Warum“ fragen.

Schweigen aus Mangel an Alternativen und der Furcht vor den Worten, die keine sind. Die Leere mit Neuem füllen, Stück für Stück, einen Schleier über die Erinnerung legen. Sich selbst wiederfinden und in die Sonne schauen. Vom Regen nicht beirren und den Nordwind vorbeiziehen lassen. Die Augen schließen, einatmen und neu erwachen. Im Notizbuch jeden Tag eine Erinnerung an die eigene Verletzlichkeit eintragen und die Repeat-Taste mit den Gedanken, Sehnsüchten und Träumen in die leere Kiste auf dem Vertiko sperren. Den Schlüssel wegwerfen, einen Anruf am Telefon annehmen, aber nur Stille in der Leitung hören.

Damit sind auch die wichtigsten Worte gesagt. Du erinnerst mich ans Taumeln und Fallen, aber auf jeden Fall ans Loslassen und Wiederaufstehen.

text & photo by Birge Tramontin

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Irgendwo im Niemandsland

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Wir waren da, wo die Luft am glühendsten und der Tag am dunkelsten war, so dunkel, dass die Schatten längst gegangen waren. Wo die Menschen aussahen, wie Karikaturen hinter langen schmalen Pfeilern, und wo die Welt nur sich gehört. Wir haben den Rausch ohne nachzudenken mitgemacht, den Exzess bis ganz oben mitgenommen, uns fünf Mal im Karussell und endlos im Kreis gedreht, um im Strudel zu ertrinken. Wir sind mit den Drachen in den Himmel gestiegen und mit den Nordwinden wieder ins Bodenlose gefallen. Die Stunden sind gegangen, aber wir sind geblieben. Wir haben gelacht, geweint, gerufen und geschwiegen, gewonnen und verloren, wir haben uns und allen in die Ohren geflüstert und keiner und alle haben dazugehört – zu uns. Wir haben den Rauch in den Himmel steigen sehen, uns vom Blinken der Lichter einnehmen lassen und wir mussten überhaupt nicht mehr fliegen können. Dann haben wir uns an den Rand gesetzt und zugeschaut, abgewartet, bis aus Hoffnungen Asche und Papierflieger wurden, die Sonne aufging, ihre Strahlen mühsam durch die kleinen Ritzen schob, uns an den Händen gefasst, die Augenringe weggewischt und weitergefahren.

Gewollt haben wir alles. Und irgendwie auch uns. Einhundertsiebzehn Treppenstufen bis zu seiner Wohnungstür. Wir haben nebeneinander gelegen, die Finger ineinander verschlungen, die Blicke aufeinander, zu viel geredet, Normalität beanspruchen wollend. Ihn aus der Tür laufen gesehen, zurück in den übermächtig scheinenden Schatten, nichts mehr verstanden, einen Plan B erfunden. Der Versuch, die Lebenslüge zu ignorieren. Nur noch einatmen, ausatmen, die Luft angehalten, vor Schmerzen geweint, nicht geschlafen, im Dunkeln gestanden und über den Sonnenaufgang nachgedacht. Innerlich zusammengefallen, trotzdem diese Sehnsucht gespürt. Endlos gewartet, dass es einfach nur noch vorbeigeht. Mit den Träumen gekämpft, die langsam zu Boden fielen und vor den Augen in kleine Stücke zerbrachen. Verzweifelte Nachrichten geschrieben, deren Antworten nie kommen sollten. Die Sachen von rechts nach links und dann in die Ecke geworfen, die Erinnerung mit den Hoffnungen unter dem Scherbenhaufen begraben. Hinausgelaufen, umhergeirrt, gesucht und nicht gefunden. In den Regen gestellt und leise geweint, damit niemand die Tränen sieht.

Am Ende haben wir wie am Anfang vor einandergestanden, als Fremde. Das Gegenteil vom Schatten ist nicht Licht. Das Gegenteil vom Leben ist nicht Tod, das Gegenteil vom Leben ist Sterben. Es ist so leicht zu verwechseln, nicht nur irgendwo im Niemandsland.

text & photo by Birge Tramontin