Der Schatten

Heimlich, still und leise war er in ihr Leben getreten. Zuerst völlig unbemerkt von ihr, aber immer präsent. Immer, überall, zu jeder Zeit. Da ein Schatten vor dem Fenster, mal ein verdächtiges Knacken auf der Terrasse, dann wieder das Gefühl, dass sie jemand beobachtet. Die ersten verwirrenden Anzeichen, als Post aus dem Briefkasten verschwindet, Nachbarn sie argwöhnisch meiden und von allen Seiten die verschiedensten Anschuldigungen kommen. Erstes zurück ziehen, nachdenken, grübeln,  zu viel rauchen. Die Angst vor dem nächsten Tag, sogar vor dem kommenden Moment. Das Klingeln an der Tür, der Postbote mit einem Brief, ein Schreiben von der Polizei. Erste Vorladung überstanden, da ist bereits die nächste da. Verwirrtheit und Zweifel an sich selbst. Wieder eine Zigarette zu viel. Das Telefon schaltet sie ab, die anonymen Anrufe häufen sich. Warum sagt er nichts, kein Wort und warum gibt er sich nicht zu erkennen? Völliges im Dunkeln tappen und nicht wissen, wer ihr Leben wie ein Marionettenspieler an seinen Fäden zieht. Fremdbestimmung, Angst und immer neue Zweifel.

Da ist sie, die lähmende Hilflosigkeit, welche sie völlig übermannt und völlig zusammenklappen lässt wie ein Taschenmesser. Tagelang schläft sie nur noch, ihr Körper ist ausgelaugt von den vielen Nächten ohne Schlaf, dem ständigen Kampf gegen einen Schatten, der Gewissheit, dass keiner ihr glaubt. Sie gibt es auf, alles sortieren zu wollen, zu verstehen und kippt ihre Gedanken nur noch auf einen großen Haufen hinter dem Haus. Irgendwann … irgendwann wird es vorbeigehen und hoffentlich ist irgendwann bald. Aber nicht jetzt. Sie steht nur noch auf, um am Fenster eine Zigarette zu rauchen, die Wasserflasche aufzufüllen und ins Bad zu schleichen. In den Spiegel blickt sie schon seit Tagen nicht mehr. Ansonsten liegt sie, dreht sich auf die Seite, zieht sich die Decke schützend über den Kopf und schläft. Sie träumt wilde Träume, und wenn sie aufwacht, schlägt das Herz schneller. Dann starrt sie stundenlang an die Decke und versucht, das Gedankenkarussell zum Anhalten zu bringen.  Wenn sie Vorhänge zur Seite zieht, ist es nur noch selten hell.

Eines Morgens steht sie einfach wieder auf. Als sie zum ersten Mal nach elf Tagen in den Spiegel schaut, entdeckt sie ein kleines Aufleuchten in ihren Augen. Am selben Tag verlässt sie die Wohnung zum ersten Mal wieder. Draußen scheint die Sonne, der Himmel ist blau, der Wind bläst ihr sanft durch das Haar, sie hört die Vögel zwitschern, ein Kind lachen und geht weiter die Straße entlang. Alles wirkt ruhig, so klar, nicht mehr so bedrohlich.

Und da weiß sie es: Der Schatten ist nicht da. So unmerklich, wie er vor neun Monaten und einer Woche in ihr Leben getreten war, musste er auch wieder verschwunden sein. War es Wirklichkeit? Noch mal ein zögerliches Umdrehen, kurzes Überlegen, schnell die aufkommenden Befürchtungen unterdrücken. Und plötzlich merkt sie es, die Leichtigkeit hat sie wieder. Sie schließt die Tür zu ihrer Wohnung auf, öffnet alle Fenster und öffnet den Brief, den sie aus dem Briefkasten gefischt hat.

Ich liebe Dich.

Ich hasse Dich.

Aber ich lasse Dich gehen.

Steht auf dem Zettel.

Er war weg. Sie hatte ihr Leben wieder.

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