Rezension „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“

Raul Krauthausen Cover Dachdecker wollte ich eh nicht werden IDas Leben aus der Rollstuhlperspektive

von Raúl Aguayo-Krauthausen

erschienen im Rohwolt Verlag

Das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“, auch „Behindertenrechtskonvention“ genannt, soll nicht nur deren Menschenrechte für Lebenssituationen konkretisieren, sondern in erster Linie eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Das Ziel soll die Gleichstellung von behinderten und nicht behinderten Menschen, seien es körperliche Einschränkungen, gehörlose oder blinde Personen, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder seelischen Schwierigkeiten, pflegebedürftige ältere Personen oder Menschen mit Autismus.

Großes Stichwort: Inklusion. Als Leitbegriff der Behindertenkonvention und tragenden Grundsatz sollen behinderte Menschen in das gesellschaftliche System eingeschlossen und Strukturen sowie Rahmenbedingungen geschaffen werden, die diesen Ansprüchen gerecht wird.

Doch jeder, der sich schon einmal mit der Materie befasst hat, weiß, dass Theorie und Praxis nie weiter als bei diesem Thema entfernt waren.

Immer noch werden Behinderte in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt. Berührungsängste, Ignoranz, aber auch Intoleranz sind wohl die Gründe. Furcht vor der eigenen Fragilität, ja das Augenverschließen vor dem, was uns alle betreffen kann, ob durch Krankheit oder auch Unfall, in jedem Alter. Nicht jeder mit einer Einschränkung kommt so auf die Welt, nur das ist nicht in allen Köpfen verankert. Sonderschulen für geistig und körperlich behinderte Menschen, danach die Arbeit in Behindertenwerkstätten oder die Einweisung in betreffende Heime sind oftmals die einzigen Optionen. Endstation, frei nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Wirklich Endstation?

Raúl Aguayo-Krauthausen ermöglicht in seinem Buch: „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ einen ganz neuen Blickwinkel in die Welt, die vielen aus fehlendem Interesse verborgen blieb. Er wurde mit der Diagnose Osteogenesis Imperfecta (Glasknochen) geboren. Auf sehr interessante, offene und sympathische, aber auch humorvolle Art beschreibt er sein Leben vom Rollstuhl aus. Dabei wirbt er keineswegs mit Mitleid, sondern will mit Spaß zum Umdenken auf beiden Seiten bewegen und in zahlreichen Projekten, wie Sozialhelden e.V., Pfandtastisch-helfen.de, Wheelmap.org, leidmedien.de, wheelramp.de, inklusionsfakten.de, 2sames.de  und selfpedia.de zum Mitmachen motivieren.

Im Einband von „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ steht geschrieben: „Mich mit meiner Behinderung zu beschäftigen, bedeutet Arbeit – ich stelle mich, mal besser, mal schlechter, meiner eigenen Unzulänglichkeit und meinen Ängsten. Mir war es wichtig, zu zeigen, dass eine Behinderung zu haben nur eine von vielen Eigenschaften ist. Mein Leben ist aufwendiger als das von Menschen, die nicht behindert sind, keine Frage. Doch es wird nicht ausschließlich von meiner Einschränkung geprägt und beherrscht. Das habe ich gelernt. Wenn ich aus mir herausgucke, fühle ich mich nicht behindert. Tauchen im Alltag Barrieren auf, begegne ich Menschen, die mich anstarren, oder erlebe ich Situationen der Hilflosigkeit, wird mir erst bewusst, dass ich es bin. Ich mag mein Leben und die Formulierung „behinderter Mensch“, weil sie offenlässt, ob ich behindert bin oder behindert werde. Denn Inklusion ist, wie Fred Ziebarth, der Schulpsychiater meiner Grundschule, sagte, ein beiderseitiger Prozess der Bewältigung und Annahme menschlicher Vielfalt, der uns alle einschließt. Ich wünsche mir, dass sich Menschen mit Behinderung fragen, wie sie gesehen werden wollen, und dass sie ihre Stimme erheben.“ (Raúl Aguayo-Krauthausen)

Schon dafür lohnt es sich, das Buch zu lesen.

Worte, die bewegen und zum Nachdenken anregen. Raúl Aguayo-Krauthausen charakterisiert seine Einschränkung als eine Eigenschaft von vielen. Mit Humor und großer Sachkenntnis lässt er uns Einblicke in seinen Alltag gewähren und zeigt auf, wie ein gemeinsames gesellschaftliches Leben von behinderten, nicht-behinderten und noch-nicht-behinderten Menschen aussehen kann.

„Behinderung geht alle an“. Ohne erhobenen Zeigefinger sondern mit viel Charme und Eloquenz revolutioniert Raúl Aguayo-Krauthausen eine neue Wahrnehmung. Beim Lesen rückt der Fokus völlig vom Rollstuhl ab und ist nur auf die Persönlichkeit des Autors gerichtet. Selbst in den Passagen, wo es um diesen geht, wird er nicht als das Hauptsächliche, was sein Leben bestimmt, definiert. Denn das sind andere Sachen: Projekte, die bewegen, Freunde und Weggefährten, seine Schul- und Studienlaufbahn, aber auch das Arbeitsleben oder Auftritte als Redner, um nur einige zu nennen. Und nicht zuletzt, auch wenn am Rand, die Liebe, was mich an ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry erinnert:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Lebensabschnitte, die Raúl Aguayo-Krauthausen einen differenzierteren, bewussteren Umgang ermöglichten und die ihn in der Gesamtheit aller Ereignisse in Kombination mit seinen einzigartigen Charakterzügen zu dem gemacht haben, was er ist: Ein selbst bestimmter Aktivist, der sich über seine Behinderung und den Rollstuhl lange schon erhoben hat.

„Ein persönliches Plädoyer für Toleranz und Freude am Leben“

Ich kann das Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ nur empfehlen: Kaufen, lesen, sich begeistern lassen, mitmachen. Wheelmap.org ist zum Beispiel eine ganz großartige Sache, bei der jeder mitwirken kann: Dabei handelt es sich um eine Karte zum Finden, Markieren sowie Suchen rollstuhlgerechter Orte. Nicht nur, aber gerade auch für Schulprojekte eine fantastische Idee. Schaut auf jeden Fall mal rein!

IMG_0651 I AIMG_0652 II AIMG_0654 II AIMG_0653 II Atext & photos by Birge Tramontin

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So ist das, wenn die Liebe geht

IMG_9724 I AIch saß gern in dem Café, es war etwas abgelegen und nicht unbedingt das, wo sich jeder hin verirrt. Ich parkte mein Auto stets an der Hauptstraße, ging anschließend durch die enge Gasse, dann noch einmal nach rechts, an der zweiten Ecke wieder nach links, vorbei an der Galerie, aus der immer leise Musik ertönte und ein paar Meter geradeaus. Hier musste ich nicht viel reden, ich nickte beim Reinkommen, schaute gleich in die Ecke, ob mein gewohnter Platz frei war, und setzte mich erleichtert hin. Wie immer nahm ich die Karte, studierte diese einige Minuten, schlug sie zu und wieder auf, um meine Wahl noch einmal zu überdenken. Trotzdem bestellte ich immer das Gleiche und manchmal schien ich in den Augen der Kellnerin die verwunderte Frage nach meinem ewig gleichen Verhalten zu sehen. Einen großen Kaffee, ohne Milch, mit viel Zucker, zwei Brötchen mit Ei belegt und die Tageszeitung.

Hatte ich nicht gesagt, mit viel Zucker? Ich richtete meinen Blick vom Tablet-PC auf und blickte suchend zum Tresen. Wie immer holte ich mir die Extra-Tüten selbst, ich war froh, nicht noch einmal eine Konversation und sei sie noch so kurz, zu führen.

Beim Umdrehen sah ich die beiden: Am Fenster saß ein Pärchen, er groß, schlank, gut aussehend, mit einem stechenden Blick und einer unnahbaren Ausstrahlung und sie, attraktiv, so wunderbar einzigartig und mit so viel Zuneigung in ihrem Blick, wenn sie ihn ansah.

Ich konnte ihre Unterhaltung nicht hören, aber ihre Gesichter, die Haltung und Gestik sprachen eine eigene Geschichte. Davon war ich sofort fasziniert und musste die beiden unentwegt ansehen. Mit aller Vorsicht, um nicht aufzufallen und diese Szenerie zu zerstören.

In ihrem Blick lag alles: Bedingungslose Liebe, Leidenschaft, Bewunderung, ein Zauber, während in seinen Augen Gleichgültigkeit, Kälte, eine mystische Starre, die ihn unnahbar erscheinen ließ, zu sehen war. Beide unterhielten sich, manchmal war ein Lachen zu hören und sie nahm seine Hand, um vorsichtig und zärtlich die Linien nachzuzeichnen. Er schien es nicht zu merken. Als sie für wenige Minuten verschwand, sah er aus dem Fenster, tippte auf dem Handy und ließ es gerade noch in der Tasche verschwinden, als sie lächelnd um die Ecke bog.

In der Woche danach saß sie allein in dem gleichen Platz und schien nervös zu warten, wie die unentwegten Blicke auf ihre Uhr verrieten. Er kam, zwar eine gute halbe Stunde später, aber er war da. Seine Kleidung und das Gesicht verrieten, das er wohl nicht geschlafen haben musste. Beide stritten leise, sie flehte und mahnte, er blieb still, stand auf und wollte gehen, sie hielt ihn zurück. Ihre angespannten Gesichtern versuchten sie, jedoch vergebens, hinter den großen Milchkaffeetassen zu verbergen. Dann gingen beide. Er voran, sie hinterher.

Noch in der folgenden Woche sah ich das Paar wieder, sie blickten sich an, schwiegen lange, sahen aus dem Fenster, bezahlten und gingen vor die Tür. Er nach rechts, sie nach links.

Ich beobachtete nur, trank meinen Kaffee, tippte Wörter in mein Tablet, las die Zeitung, aß dabei meine Brötchen, surfte wieder im Internet, klickte hier und da etwas an und stellte mir die Frage, warum er nicht sehen konnte, was ich sah. Dass die beiden ein wunderschönes Pärchen waren, wie zwei Puzzleteile, die ein Bild ergaben, welches eine große Einheit ergeben konnte. Nie habe ich so eine Vollkommenheit bei anderen Menschen gesehen und doch war der Eindruck so trügerisch. Sein und Sollen waren nie weiter voneinander entfernt.

Aber irgendetwas in seinem Bewusstsein muss an ihr gehangen haben, denn in der nächsten Woche saßen sie bereits an ihrem Platz, als ich kam. Angestrengt versuchte er sich zu bemühen, während sie gequält lächelte und ihre Hand vorsichtig zurückzog. Da sah ich ihn, den Schmerz in ihren Augen. Die Erkenntnis darüber, für eine große Liebe gekämpft und doch verloren zu haben. Dass Zeit keine Wunden heilt, sie nur lernen kann, damit umzugehen und die Angst, ohne ihn sein zu müssen. Dass es manchmal keine Zukunft gibt, wenn die Vergangenheit zerstörerisch war. Er nahm sie in den Arm und konnte so nicht die leisen Tränen sehen, welche sie sich hastig abwischte, als er sich von ihr löste. Dabei entging ihm auch, dass sie ihn, eng an seinem Körper, ein letztes Mal einatmete, um diese Erinnerung für immer im Herzen zu speichern.

Vor der Tür gaben sie sich verlegen die Hand, hielten die Berührung, als könnten sie sich doch nicht loslassen, obwohl sie es doch mussten, und gingen dann doch, ohne sich noch einmal umzudrehen, in verschiedene Richtungen.

Ich habe sie in dem Café wiedergesehen, ein Jahr später. Sie kam herein, schaute auf den Platz, an dem sie mit ihm gesessen hatte, schüttelte leicht mit dem Kopf, setzte sich an einen kleinen Tisch nahe am Tresens, mit dem Rücken zu Raum, sodass sie keiner ansehen konnte oder ansprechen sollte. Bestellte einen Kaffee, schlug das kleine Notebook auf und vertiefte sich in die virtuelle Welt. Beim Herausgehen konnte ich kurz in ihr Gesicht blicken. Sie war wieder bei sich angekommen, zwar immer noch verletzt, das konnte ich in den Augen sehen, aber stärker als wahrscheinlich jemals zu vor. Vorsichtiger und mit einer großen Mauer um sich herum, aber entspannter und in sich ruhend.

Als sie mich sah, lächelte sie kurz.

Er spielte keine Rolle mehr in ihrem Leben, aber das würde auch kein anderer jemals wieder tun.

So ist das, wenn die Liebe geht… die Lieben aber bleiben.

text & photo by Birge Tramontin

Eine Liebe über den Tod hinaus

Gibt es sie noch, die einzige und wahre Liebe? Geschichten, die das Leben schrieb, wie die von Eleanor und Frank Turner, lassen uns den Glauben an sie nie verlieren.

Ihre wunderbare Verbundenheit begann im Alter von 22 im US-Staat North Carolina, in einem Autohaus, in welchem Eleanor arbeitete. Der von der Marine kommende Frank schaute sich in dem Geschäft nach einem Wagen um und sagte vor der Probefahrt: „Ja, aber nur, wenn ich die Sekretärin mitnehmen darf.“ Sein einzigartiger Charme wurde belohnt, denn bereits wenige Monate später heirateten sie und bekamen zwei Kinder. Die beiden waren nicht nur ein attraktives Paar. Ihre gemeinsame Tochter Linda beschrieb die Ehe ihrer Eltern als stabil: „Sie liebten sich und sie waren immer stolz darauf, dass sie zusammen waren. Sie waren einfach füreinander bestimmt.“

Was kann es Schöneres geben? Mit Sicherheit hatten sie wie jedes Paar gute, aber auch schlechte Zeiten. Aber sie schafften es trotz allem, in den ganzen 64 Ehejahren, mit Liebe, Vertrauen, Zuversicht und Respekt das Schiff durch jeden Sturm in den sicheren Hafen zu lotsen.

„Sie haben nie aufgegeben. Sie hatten ihre Probleme, so wie alle anderen auch. Aber am Ende haben sie immer zusammengehalten“, erzählte die Tochter Linda Purser der „MailOnline“.

Jahre später erkranken beide fast zeitgleich an Demenz und kamen in ein Pflegeheim. Frank konnte zwar noch laufen, Eleanor jedoch leider nicht mehr. Doch anstatt die Pfleger um Hilfe zu rufen, wenn sie irgendetwas brauchte, rief sie stets ihren Mann. Und er kam immer und tat alles für sie. Weil er sie ebenso wie sie ihn liebte.

Das Schicksal bestimmte es, dass Frank vor einigen Wochen einen Schlaganfall erlitt und auch Eleanor mit der gleichen Diagnose in die Klinik eingeliefert wurde. Für kurze Zeit lagen sie nebeneinander in ihren Betten. Keine Worte konnten gesprochen werden und es sollte das letzte Mal sein, dass sie sich auf Erden sehen würden. Frank griff ganz sanft nach ihrer Hand, als wollte er sagen: Du bist nicht allein, ich bin immer bei dir. Immer, in alle Ewigkeit.

Während er dann in ein Pflegeheim kam, wurde Eleanor in ein Hospiz gebracht, in dem sie vier Tage später verstarb. Die Angehörigen kamen nicht mehr dazu, ihm die traurige Botschaft zu übermitteln. Denn nur neun Stunden nach ihrem Tod war auch Frank verstorben. Sie hatten fast ihr ganzes Leben gemeinsam verbracht und nicht einmal der Tod konnte diese große Liebe trennen.

Linda Purser: „Sie haben gleich gedacht, wollten das Gleiche vom Leben und wären ohne einander verloren gewesen.“

Am 24. Dezember hätten Eleanor und Frank ihren 65. Hochzeitstag gehabt.

Quelle: Michael Zennie dailymail.co.uk vom 02. Dezember 2013