Zeit der Stille

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Am Elbstrand ziehen die Schiffe vorbei, Möwen kreischen und die abendliche Sonne sendet ihre wärmenden Strahlen auf uns hinunter. Auf der Schaukel sitzt ein Mädchen. Wie alt mag sie sein? Vielleicht 14, 15 Jahre. Sie hat das Downsyndrom. Mit einem fröhlichen Lachen jubelt sie ihrer Mutter unablässig „Ich liebe dich“ zu, während sie versucht, mit den Füßen die vorbeiziehenden Wolken am strahlend blauen Himmel zu erreichen.

Immer höher, immer schneller. Es ist schön, sie dabei zu beobachten. Ihre Ausgelassenheit, das Entzücken sowie die Begeisterung.

Und doch vermag ich zu erahnen, warum sie weit abseits vom Geschehen und zu einer Zeit, in der die anderen Kinder bereits den Spielplatz verlassen haben, hier ist. Ihre Mutter sitzt auf der Bank und versucht, jeden Augenkontakt mit mir zu meiden. Sicherlich hat sie nicht wenige unangenehme Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht: Ignoranz, Boshaftigkeiten, Intoleranz, Ausgrenzungen, selbst Blicke verletzen und hinterlassen ihre Narben auf der Seele. Hat sie ihrem Kind auch bei der Geburt geschworen, es vor allem Schlechten und Bösen dieser Welt zu bewahren? Musste sie ebenfalls irgendwann nach vielen Tränen feststellen, dass dieses Versprechen nicht zu halten ist?

Das Mädchen lächelt über das ganze Gesicht und ruft mir ein „Hallo“ zu. Ich winke und grüße zurück. Eine ganz besondere Aura umgibt sie, die mich innehalten lässt.

Schon eine ganze Weile läuft mein Sohn unschlüssig über das Gras. Schließlich setzt er sich auf die Schaukel daneben, lässt seine Füße hängen und wiegt vor, zurück. Ganz langsam, sehr bedächtig. Das Mädchen betrachtet ihn aufmerksam von der Seite. In diesem Augenblick wird sie sehr still, verlangsamt ihr Schaukeln und stimmt sich wortlos auf seinen Takt ein.

Mein Sohn ist Autist.

Ansehen konnte sie es ihm keineswegs, wissen ebenfalls nicht.

Und doch hat sie mit einer besonderen Sensibilität bereits im ersten Moment registriert, dass er in einer anderen, ganz besonderen Welt zu leben scheint. Dass er sehr nah und doch so fern, gerade unerreichbar für sie ist.

Manchmal bedarf es keiner Worte, um zu verstehen.

Ständige Ausgrenzung tut weh. Und da saßen zwei junge Menschen nebeneinander, die diese jeden Tag aufs Schmerzlichste erfahren mussten. Dabei waren sie nicht nur auf eine ganz wunderbare Art und Weise anders: Darüber hinaus trugen sie das Herz am rechten Fleck, waren loyal und einfühlsam wie keine andere Person, welcher für sich die scheinbare Normalität als einzig richtiges Sein beansprucht hat und respektierten einander. Still ohne jedes Vorurteil.

Zeit und Raum rückten in die Ferne. Wurde mein Sohn schneller, wurde sie es auch. Verlangsamte er das Schaukeln, tat sie ihm gleich. Immer, ohne ein Wort zu verlieren, ganz leise. Ahnte das Mädchen, das er die Dinge des Lebens anders spürte – Sinne, Blicke, Berührungen wie auch Empfindungen? Auch sie schien sich wohlzufühlen, eine tiefe Gelassenheit umgab die beiden. Nicht seltsam, hämisch oder gar boshaft angesehen zu werden. Endlich keine Fragen, auf die niemand eine Antwort hat. Endlich nicht eines der Worte hören, die so verletzen, dass Tränen und Trauer der stetige Begleiter sind. Hier und jetzt nicht allein sein.

Ich war wie gebannt, als ich die Zwei betrachtete. Als das Mädchen irgendwann mit ihrer Mutter nach Hause ging, blickte ich ihr noch lange nach. Eine tiefe Wärme erfüllte mich. Auf ihre eigene besondere Weise hatte sie viel gegeben – Toleranz, Einfühlungsvermögen, Ruhe, Beschaulichkeit, Akzeptanz sowie eine hohe Sensibilität für die kleinen wie auch großen Gegebenheiten des Lebens.

Es sollte mehr Menschen wie sie geben.

text & photo by Birge Tramontin

 

 

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